Witt weint um Walijewa: Keine Medaille, Gold an Schtscherbakowa

Sportliche und persönliche Tragödie für Kamila Walijewa: Der Druck ist zu groß, die Jahrhundertläuferin bleibt sensationell ohne Medaille.

Peking (SID) Kamila Walijewa winkte ab, dann verbarg sie ihre Tränen hinter ihren roten Handschuhen, und Katarina Witt weinte im ARD-Studio tief betroffen mit: Die unter Dopingverdacht stehende Russin, schon als Jahrhundertläuferin gefeiert, blieb nach einer fehlerhaften Kür bei Olympia in Peking als Vierte ohne Medaille. Die legendären Klänge von Maurice Ravels Bolero erschlugen die 15-Jährige förmlich, der übermenschliche Druck war zu groß.

„Man hat sie der Welt zum Fraß vorgeworfen“, sagte ARD-Expertin Katarina Witt, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnte: „Ich kann nur hoffen, dass sie das verwindet und wiederkommt. In vier Jahren möchte ich sie wiedersehen.“ Die Goldmedaille, die nun doch in Peking vergeben wird, ging an Walijewas Teamkollegin Anna Schtscherbakowa, hinter ihr holten Alexandra Trussowa (Russland) und die Japanerin Kaori Sakamoto Silber und Bronze.

Fast alles ging bei Walijewas Vortrag auf dem Eis schief, darunter litt auch der künstlerische Gesamteindruck. Trost von ihrer umstrittenen Trainerin Efteri Tutberidse war kaum zu erkennen. Nach der Notenvergabe wollte Walijewa nur noch raus aus dem Capital Indoor Stadium.

Im Schatten der absoluten Weltklasse sortierte sich Nicole Schott auf dem 17. Platz ein. Nach dem Kurzprogramm noch auf Rang 14 eingestuft, warfen die sechsmalige deutsche Meisterin aus Essen ein Sturz beim dreifachen Flip und ein verunglückter dreifacher Salchow zurück.

„Insgesamt bin ich zufrieden mit dem, was ich hier geleistet habe“, sagte die 25 Jahre alte Sportsoldatin. Schott hatte es extrem eilig, wieder nach Hause zu kommen: Schon wenige Stunden nach ihrer Kür saß sie bereits im Flugzeug von Peking zurück nach Deutschland.

Im Fall Walijewa befürwortete Witold Banka, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, derweil sogar Gefängnisstrafen für Menschen, die Kindern Dopingmittel verabreichen. „Das ist böse und nicht zu verzeihen. In einigen Ländern ist das schon strafbar und eine harte, aber sehr gute Lösung“, sagte der Pole im Eurosport-Interview.

Der 37-Jährige zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS im Fall Walijewa. Die WADA hatte mit dem IOC und der ISU Einspruch gegen die Aufhebung der vorläufigen Suspendierung Walijewas durch die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA eingelegt – vor dem CAS aber verloren.

Unterdessen gerät der russische Mannschaftsarzt Filipp Schwezki mehr und mehr ins Zwielicht. Wie der Leiter einer kardiologischen Abteilung eines Moskauer Krankenhauses der russischen Website „Dossier Center“ bestätigte, habe weder das verbotene Dopingmittel Trimetazidin noch die erlaubte Substanz Hypoxen eine leistungssteigernde Wirkung.

Da sich aber beide Medikamente leicht nachweisen ließen, so der Arzt weiter, müsse man die medizinische Betreuung der russischen Eiskunstläufer als wenig kompetent einstufen. „Dossier Center“ ist eine investigative Website eines im Exil lebenden russischen Geschäftsmanns, die in Russland gesperrt ist.

Eine spezielle Untersuchungmethode brachte der Kölner Dopingexperte Mario Trevis ins Spiel. „Mit einer Haaranalyse kann man möglicherweise unterscheiden, ob es sich um eine mehrmalige Einnahme in größeren Mengen gehandelt hat oder um eine versehentliche, einmalige Gabe, sagte Thevis im ARD-Interview.

Die olympischen Eiskunstlauf-Wettbewerbe werden am Freitag (18.30 Uhr OZ/11.30 Uhr MEZ) mit dem Kurzprogramm der Paare fortgesetzt. Für die deutsche Eislauf-Union (DEU) gehen die deutschen Meister Minerva Hase und Nolan Seegert aus Berlin auf das Eis.

 

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Quelle:
2022 AFP

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